Dienstag, 17. Oktober 2017

Neues über EISZEIT-BLÜTEN-BUCH

"EISZEIT-BLÜTEN" ab sofort mit größerer Schrift


Harry Popow: „EISZEIT-BLÜTEN. ROTE-NELKEN-GRÜßE AUS BLÜHENDEN LANDSCHAFTEN“, Taschenbuch: 508 Seiten, Verlag: Independently published (17. September 2017), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 1549766864, ISBN-13: 978-1549766862, Größe und/oder Gewicht: 14 x 3,2 x 21,6 cm, Preis: 12,50 Euro

USA-Krise als Brandbeschleuniger


Trump, der Iran und das Streben der USA nach Weltherrschaft


VERÖFFENTLICHT VON LZ ⋅ 17. OKTOBER 2017


von Keith Jones – http://www.wsws.org

Am Freitag hatte US-Präsident Donald Trump am Ende einer aggressiven und unaufrichtigen Rede angekündigt, er werde das Atomabkommen mit dem Iran von 2015 aufkündigen, wenn es nicht nach den Vorgaben der USA umgeschrieben wird.

Die Rede war beispielhaft für die Arroganz und Kriminalität der herrschenden Klasse in den USA. Trump warf dem Iran vor, er würde „im Nahen Osten und darüber hinaus Konflikte, Terror und Unruhe schüren“. Und das aus dem Munde des Präsidenten jenes Landes, das unendliches Leid über die Bevölkerung des Nahen Ostens gebracht hat! Die US-Angriffskriege in Afghanistan, dem Irak, Libyen und Syrien haben Millionen Menschen das Leben gekostet, weitere Millionen zu Flüchtlingen gemacht und ganze Gesellschaften zerstört.

Trump verurteilte die iranische Revolution von 1979, erklärte den von Klerikern regierten bürgerlichen Staat Iran in der Weltpolitik für vogelfrei und stellte die USA als Beschützer der demokratischen Rechte des iranischen Volkes dar.

Doch die iranische Bevölkerung hat nicht vergessen, dass die CIA 1953 einen Putsch gegen den gewählten Präsidenten Mohammad Mossaddegh organisiert und die brutale Diktatur des Schahs installiert hat, die von Washington 25 Jahre lang an der Macht gehalten wurde. Ebenso wenig hat sie vergessen, dass die USA in den letzten vier Jahrzehnten eine unerbittliche Kampagne gegen den Iran geführt haben. Sie haben dem Land immer wieder mit Krieg gedroht, Bagdad im Ersten Golfkrieg von 1980–1988 unterstützt und verheerende Wirtschaftssanktionen verhängt, die unter Obama in einen offenen Wirtschaftskrieg mündeten.

Trump hat deutlich gemacht, dass er nicht über seine Forderungen nach „Korrekturen“ der „vielen Fehler“ des Atomabkommens verhandeln wird. Sie sind faktisch ein Ultimatum an Teheran, sich einseitig zu entwaffnen, während die USA eine ganze Armada von Schiffen im Persischen Golf stationiert haben und ihre Verbündeten Saudi-Arabien und Israel bis an die Zähne bewaffnen. Der Iran müsste außerdem dauerhafte Einschränkungen seiner Souveränität und seine faktische Degradierung zu einem Vasallenstaat hinnehmen.

Die USA fordern vom Iran, die strengen Einschränkungen seines zivilen Atomprogramms dauerhaft festzuschreiben, statt sie elf Jahre nach Abschluss des Abkommens zu lockern; den Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde ungehinderten Zugang zu militärischen Einrichtungen zu geben; und sein Raketenprogramm einzustellen.

Die europäischen Regierungschefs reagierten verärgert auf Washingtons Vorstoß. Sie werfen Trump vor, sich nicht an geltendes Gesetz zu halten, ein atomares Wettrüsten weltweit zu befeuern und die Kriegsgefahr im Nahen Osten und auf der koreanischen Halbinsel zu verschärfen. Der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel warnte, wenn die USA auf diesem Weg beharren, würden sie „die Europäer in der Iran-Frage in eine gemeinsame Position mit Russland und China gegen die USA bringen“.

Es ist noch unklar, was als nächstes passiert. Ein Großteil des amerikanischen politischen Establishments und des Militär- und Sicherheitsapparats, einschließlich Trumps höchster Berater Verteidigungsminister James Mattis, Außenminister Rex Tillerson und der Nationale Sicherheitsberater H.R. McMaster, haben Trump davon abgeraten, das Abkommen mit dem Iran aufzukündigen. Mattis und Generalstabschef Joseph Dunford hatten letzte Woche vor dem Kongress zugegeben, dass sich der Iran an das Atomabkommen hält, und erklärt, dessen Fortbestand sei im Interesse der USA.

Trumps Generäle sind keineswegs weniger entschlossen, den Iran zu unterwerfen und die Hegemonie der USA über den Nahen Osten – der wichtigsten Erdöl exportierenden Region der Welt und einer strategischen Achse zwischen Asien, Afrika und Europa – zu sichern.

Auch bei Trumps Kritikern in den Reihen der Demokratischen Partei und den Medien sieht es nicht anders aus. Die New York Times und die Washington Post haben immer wieder zu einer aggressiveren militärischen und diplomatischen Offensive gegen den Iran gedrängt, vor allem in Syrien, wo Teheran eine wichtige Rolle bei der Niederlage der US-gestützten islamistischen Kräfte gespielt hat. Die Washington Post schrieb am Sonntag in ihrem Leitartikel unter der Überschrift „Trump hat einen gefährlichen Kurs gegenüber dem Iran eingeschlagen“, der Präsident habe eine „geopolitische Dummheit“ begangen, und warf ihm vor, er habe „keinen klaren Plan, was er gegen die militärische Festigung des Iran in Syrien tun kann, die einen neuen Konflikt mit Israel auslösen könnte“.

Die Differenzen in der herrschenden Elite sind zwar scharf, aber ausschließlich taktischer Natur. Sie drehen sich um die Frage nach dem geeigneten Ziel und Timing des nächsten US-Kriegs. Gleichzeitig wachsen die Sorgen, ein Showdown mit dem Iran könnte Washingtons militärisch-strategische Offensive gegen China und Russland schaden und die Spannungen mit Amerikas traditionellen europäischen Verbündeten verschärfen. Diese spielen durch die Nato weiterhin eine wichtige Rolle bei der internationalen Durchsetzung amerikanischer Machtinteressen, vor allem gegen Russland.

Der Widerstand gegen Trumps Plan, das Abkommen mit dem Iran aufzukündigen, steht im Kontext des internen politischen Kampfs in Washington, der sich mittlerweile so weit verschärft hat, dass offen darüber diskutiert wird, Trump unter Einsatz des 25. Zusatzartikels der Verfassung abzusetzen.

Trump plant außerdem, die Vorherrschaft der Wall Street über das globale Bankensystem und den Zugang zu den amerikanischen Märkten als Druckmittel zu benutzen, um die Europäer zu neuen Sanktionen gegen Teheran zu zwingen. Somit droht die Iran-Frage, die schon jetzt heftigen wirtschaftlichen Konflikte zwischen den USA und Europa, vor allem Deutschland, noch weiter anzuheizen. Die europäischen Mächte sprechen bereits von Vergeltungsmaßnahmen.

In ihren internationalen Raubzügen stehen die europäischen Imperialisten den USA jedoch in nichts nach. Sie waren wichtige Partner Washingtons im Wirtschaftskrieg gegen den Iran. Doch der neuerliche Konfrontationskurs der USA gegen Teheran bedroht ihre eigenen Pläne, Milliarden in den Iran zu investieren und das Land mit den viertgrößten Ölreserven und den größten Erdgasvorkommen der Welt wirtschaftlich auszunutzen. Zudem fürchten sie aufgrund ihrer Nähe zum Nahen Osten und ihrer Abhängigkeit von Ölimporten aus der Region die destabilisierenden Folgen eines weiteren US-Kriegs, in den schnell auch Atommächte wie Russland und China hineingezogen werden könnten.

Trumps Politik wirkt wie ein Brandbeschleuniger, aber die eigentliche Ursache für die Konflikte innerhalb der herrschenden Elite über den Kurs gegenüber dem Iran und die allgemeine imperialistische Strategie ist die tiefe politische Krise in den USA. Seit der Auflösung der Sowjetunion hat Amerika versucht, den Niedergang seiner wirtschaftlichen Stärke durch Angriffskriege auszugleichen. Doch diese Politik ist gescheitert.

Die USA haben in ihrem Streben nach Weltherrschaft den Nahen Osten verwüstet. Der Iran war eines der Hauptziele amerikanischer Aggression. Doch obwohl US-Truppen beide Nachbarstaaten Afghanistan und den Irak besetzten, konnte der Iran seinen Einfluss ausweiten. Gleichzeitig haben sich Russland und China zu wichtigen wirtschaftlichen und geopolitischen Akteuren im Nahen Osten entwickelt und dort Washingtons Pläne in Syrien durchkreuzt. Wie zuvor in Libyen versuchen die USA die syrische Regierung durch islamistische Stellvertretertruppen zu stürzen.

Der US-Imperialismus reagiert auf diese Rückschläge, indem er seine Kriegspläne verschärft und sich direkt gegen seine wichtigsten Rivalen stellt, vor allem gegen Russland und China. Europa und Japan betreiben ihrerseits eine rasante militärische Aufrüstung, um ihre eigenen imperialistischen Interessen gegen die USA durchzusetzen.

Die Menschheit ist mit der realen und akuten Gefahr konfrontiert, von den imperialistischen Mächten in einen Dritten Weltkrieg gezogen zu werden, in dem auch Atomwaffen zum Einsatz kommen würden.

In den herrschenden Klassen der Großmächte gibt es keine „Friedensfraktion“. Die einzige gesellschaftliche Kraft, die den Kurs auf eine nukleare Massenvernichtung aufhalten kann, ist die internationale Arbeiterklasse. Sie muss auf der Grundlage eines sozialistischen und internationalistischen Programms mobilisiert werden, um für die Abschaffung des Kapitalismus, der Ursache von Krieg, sozialer Ungleichheit und Diktatur, zu kämpfen. Das Internationale Komitee der Vierten Internationale baut eine internationale Antikriegsbewegung auf, die sich auf diese revolutionäre Perspektive stützt.

http://www.wsws.org/de/articles/2017/10/17/iran-o17.html



Samstag, 14. Oktober 2017

IN MEINER EINSAMKEIT... Ein Hanna - Gedicht

Denen, die nach uns kommen

In meiner Einsamkeit
denke ich an den einen, der sich
schon lange entfernt hat von mir und
mich in sein Erinnerungsetui
gesperrt hat, das er sorgsam
im Schatten hält.

Was bleibt?
Ich lese. Lese die Illusionen,
die wir uns machen, lese von Kriegen
und Not, von Lüge und Beschwichtigung,
mit denen sie uns stillhalten.
Ermüdend diese Lektüre.

Ein giftiger Pilz
über allem das ausgesprochene
und unausgesprochene Verbot, Widerspruch
zu denken. Als seien wir Gefolgsleute
ihrer entsetzlichen Vorhaben,
mit denen sie uns zerstören wollen.

Ich trete vor den Spiegel,
und ich sehe eine Verzweifelte.
Mein alter Körper schmerzt,
mehr aber noch das Ahnen dessen,
was nach uns kommt, das wir, die Alten,
nicht verhindert haben.

14.10.17


Ein Hanna – Gedicht
(Hanna, Mitautorin des Buches "EISZEIT-BLÜTEN")

Freitag, 13. Oktober 2017

Weit entfernt von VERNUNFT

Entnommen:
https://www.jungewelt.de/artikel/319911.blut-und-bl%C3%B6der.html



Blut und blöder


Zum Kinostart der Filmkomödie »Vorwärts immer!«


Von Matthias Krauß

Frühjahr 1986, Studentenfete in Leipzig. Als Absolvent der Sektion Journalistik war ich für den Start ins Berufsleben nach Potsdam vermittelt worden, genau wie ein Absolvent der Theaterhochschule »Hans Otto«. In welchem Stadtteil er denn wohnen werde, fragte ich diesen Schauspieler. Ach, in Babelsberg. Kleiststraße 3? Ja, ich auch.

Jörg Schüttauf wohnte im Dachgeschoss. Bei ihm drang das Wasser von oben ein, bei mir im Parterre kam die Feuchtigkeit aus dem Keller. Wir haben in jenen Jahren häufig mal einige Gläser zusammen geleert. Er führte berechtigte Klage über die Zustände im Honecker-Staat, und ich bemühte mich, ihm darzulegen, dass der Sozialismus bei alldem seine Vorzüge hat und es sich lohnt, um ihn zu kämpfen. Wir haben uns wohl beide prächtig amüsiert. Dass Schüttauf einmal den Politiker Honecker spielen würde, war unvorstellbar.

Nun ist »Vorwärts immer!« mit ihm in dieser Rolle in die Kinos gekommen. Wie soll das funktionieren? fragt man sich unwillkürlich, die Gesichtszüge des »Zitronenmündchens« (Eberhard Esche über Honecker) und die rustikalen des Jörg Schüttauf sind kaum zu verwechseln. Zumal der Arbeiterjunge aus dem Saarland eher schmächtig war und der Arbeiterjunge aus Karl-Marx-Stadt eher stattlich ist. Aber simple Attribute wie Brille, Hut, Frisur reichen, und der Honecker-Schüttauf wird abgenommen. Auch Brecht besetzte gegen den Typ.

Die Story von »Vorwärts immer!«: Um Schlimmeres zu verhindern, macht sich der Schauspieler Otto Wolf in den letzten Tagen der DDR seine Ähnlichkeit mit Staatschef Honecker zunutze und dringt in dessen Arbeits- und Privatsphäre ein mit dem Ziel, den friedlichen Verlauf der Entwicklungen zu sichern. Das führt zu komischen Verwicklungen, nichts klappt auf Anhieb und alles kommt immer ganz anders. Schließlich landet Otto in Margots Schlafzimmer. Der »echte« Honecker mischt auch noch mit, so dass für Turbulenzen gesorgt ist.

»Von allen Geistern, die verneinen, ist mir der Schalk am wenigsten zur Last«, lässt Goethe im »Faust« den Herrgott sagen. Von allen Filmen, die mit der DDR abrechnen, sind die Klamotten noch die erträglichsten, möchte man abwandeln. Die Pointen des Film sitzen, er ist schwungvoll inszeniert und geschnitten, sehr anspruchsvoll geht es nicht zu. Honeckers Nuscheln oder die Schneidezähne des Egon Krenz sind der Stoff, aus dem die Pointen gemacht sind. Eine Gelegenheit mehr, diese Politiker als Idioten vorzuführen, als Hanswürste im Fürchterlichen. Margot Honecker (Hedi Kriegeskotte) zieht als Schneekönigin die Fäden, an denen ein seniler Erich zappelt. Die Staatssicherheit darf nicht fehlen, vorgeführt als Mix aus Blödheit und Blutgier, immerhin wird die Lust am Genickschuss zur Abwechslung von einer Frau verkörpert.

Wenn es diesen Leuten Spaß macht, auf dem toten Löwen herumzuhüpfen, dann sollen sie es tun. Ein Lustspiel lebt von Verzerrungen, Überdrehungen, mitunter von reinem Blödsinn. Den deutschen Aufarbeitern wird der Film gefallen, er hantiert mit den groben geistigen Klötzen, aus denen ihre Kirche errichtet ist: Einst war es schlecht, heut’ ist es gut. Zwei DDR-Jungen treten auf, sich sehnend nach einem Leben, in dem niemand ihnen etwas vorschreiben kann. Welches Leben sie nach der Wende auch geführt haben mögen – ein solches ganz bestimmt nicht. Millionen Ostdeutsche sind nach 1990 in Zwänge geraten, von deren Existenz sie sich bis dahin keine Vorstellung machen konnten. Die Bedrückung wurde für sie mehr ausgewechselt als abgeschafft. Wann werden sich Deutschlands Filmschaffende mal dieser Wahrheit stellen?

Soweit läuft noch das Übliche ab, in Grenzen unterhaltsam, nicht weiter der Rede wert. Ein komischer Film hat vielleicht sogar Anspruch darauf, nicht allzu ernst genommen zu werden. Allerdings kommt hier noch etwas Schwerwiegendes ins Spiel. »Vorwärts immer!« basiert auf der ernsthaft vorgebrachten Behauptung, die DDR-Führung habe im Herbst 1989 den Befehl gegeben, friedliche Demonstranten in Leipzig zu erschießen. Das setzt und hält die Handlung in Gang. Und hier hört der Spaß auf. Diesen Befehl gab es nicht, auch wenn die deutsche Aufarbeitungsindustrie Gold und Perlen für einen diesbezüglichen Beweis bezahlen würde. Jörg Schüttauf hätte wissen können, wessen Geschäft er hier betreibt. Dass er sich für ein solches Produkt hergegeben hat, ist enttäuschend. Ich hatte gehofft, mit meinen Appellen in der feuchten Wohnung vor 30 Jahren mehr durchgedrungen zu sein.

Als er in der DDR zur Schule ging, stand das Drama »Professor Mamlock« auf dem Pflichtprogramm. Darin lässt der Dichter Friedrich Wolf den jüdischen Professor sagen: »Man hat im Kampf auch den schärfsten Gegner zu achten und ihm nicht Infamien zuzutrauen, deren man vielleicht selbst fähig ist.«

Wenn im Film »Vorwärts immer!« die Künstlerin Josefine Preuß die neue Zeit als liebende deutsche Mutter empfängt, deren Kind nicht im DDR-Elend, sondern in der lichten Freiheit aufwachsen soll, dann kann ein künstlerisches Bild kaum stärker verunglücken bzw. mit der geschichtlichen Wirklichkeit kollidieren. Denn Kinder bekamen die Leute in der DDR und nicht in der 1990 errungenen »Freiheit«. Auf die reagierten die Ostdeutschen mit einem Gebärstreik, der in der Weltgeschichte seinesgleichen sucht. In den zehn Jahren vor der Wende sind anderthalb Millionen ostdeutsche Kinder mehr geboren worden als in den zehn Jahren danach.

Auch wenn noch 300 solcher Streifen »auf den Markt geworfen« werden, sie schaffen die historischen Tatsachen nicht aus der Welt. Und der Sieg der Vernunft wird der Sieg der Vernünftigen sein.





Montag, 9. Oktober 2017

Im Spinnennetz der Geheimdienste

Lieber Herr Popow,

am vergangenen Freitag, den 6.10., haben wir in der Bundespressekonferenz das Buch „Im Spinnennetz der Geheimdienste. Warum wurde Olof Palme, Uwe Barschel und William Colby ermordet?“ von Patrik Baab und Robert E. Harkavy vorgestellt. Wir haben die Veranstaltung aufgezeichnet, hier ist der Mitschnitt und ein Pressetext – vielleicht können Sie ja im Nachhinein noch etwas dazu machen? Mittwoch ist der 30. Todestag Barschels, das Video kann gern gepostet, geteilt, onlinegestellt werden …

Buchvorstellung „Im Spinnennetz der Geheimdienste“, Berlin, 6.10.2017

Diesen Mittwoch, den 11. Oktober, jährt sich der Tod Uwe Barschels zum 30. Mal. Patrik Baab, Fernsehjournalist aus Kiel, und Robert E. Harkavy, Politik-Professor aus den USA, untersuchen in ihrem neuen Buch „Im Spinnennetz der Geheimdienste“ nicht nur die bis heute ungeklärten Hintergründe von Barschels Tod, sondern auch die zweier anderer politischer Morde des vergangenen Jahrhunderts: die an Olof Palme und William Colby. „Tote können nicht mehr sprechen. Das ist in allen drei Fällen der Grund, warum sie sterben mussten“, so Baab. „Wir haben streng vertrauliche Dokumente mehrerer Geheimdienste herangezogen und ausgewertet, und wir haben mit Geheimdienstlern, Ex-Spionen und Geheimdienstkontrolleuren aus sieben verschiedenen Staaten gesprochen.“ Sie führen die drei Todesfälle zusammen vor dem Hintergrund der Iran-Contra-Affäre und eines Schattenkrieges der CIA, dessen größter Teil immer noch im Dunkeln liegt.
Heinrich Wille, Chefermittler im Falle Barschel, sieht hier die Beteiligung eines Geheimdienstes ebenfalls als erwiesen an: „Es ist ganz eindeutig, dass Uwe Barschel Kontakte zur CIA hatte. Das wurde uns über das Landesamt für Verfassungsschutz mitgeteilt und auch die CIA hat schriftlich bestätigt, dass es einen Kontakt gab.“ Der Nachweis des Lösungsmittels Dimethylsulfoxid, das Gifte durch die Haut befördert, ist für Wille der Beweis, dass Uwe Barschel durch einen professionellen Mörder zu Tode gekommen sein muss. Doch die verantwortlichen Oberbehörden in Schleswig-Holstein bremsten die Ermittlungen aus bis hin zu Vertuschung und Geheimnisbruch. Autor Baab sagt: „Uwe Barschel führte ein Doppelleben. Er hatte Kontakte zu Geheimdiensten und war eingebunden in den verdeckten internationalen Waffenhandel.“
Olof Palme wurde auf offener Straße erschossen. Die Autoren können anhand von Dokumenten belegen, dass die NATO-Geheimarmee Stay-behind den Mord organisiert hat, und sie kennen den Decknamen des Mörders. Bei Uwe Barschel und William Colby deutet die Indizienkette ebenfalls klar auf Mord. Doch es fehlen Kettenglieder. Der Grund laut Baab und Harkavy: In allen drei Fällen haben Regierung und Geheimdienste die Ermittlungen massiv beeinflusst, gab es regierungsamtliche Vertuschungsaktionen. Dokumente und Hinweisgeber aus mehreren Geheimdiensten belasten die CIA schwer: „Wir haben es mit gezielten Tötungen zu tun. Sie waren Teil einer großangelegten ‚Säuberungsaktion‘, bei der missliebige Zeugen aus dem Weg geräumt wurden, die der Spitze der Befehlskette hätten gefährlich werden können.“

Weitere Informationen zum Buch: https://www.westendverlag.de/buch/im-spinnennetz-der-geheimdienste/

Beste Grüße
Rüdiger Grünhagen

Rüdiger Grünhagen
Westend Verlag GmbH
Neue Kräme 28
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Zu „Im Spinnennetz der Geheimdienste“


Es ist längst kein Geheimnis, dass die ELITEGRUPPIERUNGEN KAPITAL – MEDIEN – GEHEIMDIENSTE (plus MILITÄR) – ein ökonomisches und politisches Netzwerk zur Durchsetzung ihrer geostrategischen- und Profitinteressen bilden. Somit finden die gesellschaftskritischen Sachbücher „FASSADENDEMOKRATIE UND TIEFER STAAT“ sowie „Lügen die Medien?“ (Hrsg.: Ullrich Mies und Jens Wernicke im ersteren sowie Jens Wernicke im zweiten Buch) in diesem hochbrisanten Beitrag „IM SPINNENNETZ DER GEHEIMDIENSTE“ ihre kapitalismuskritische und entlarvende Fortsetzung. Das Ganze wirkt wie ein erweckender Paukenschlag im von den Eliten fabrizierten Krieg um die Köpfe der Menschen. Den Machern also ein herzliches Dankeschön für diese politische und dem Frieden dienende aufklärerische Arbeit. Es ist hohe Zeit, dem entgegenzuwirken. Harry Popow 

Sonntag, 8. Oktober 2017

Zum Buchtipp "Lügen die Medien"

User Lotti zu „Gezüchtete Unschärfen“

Hallo Harry! Die Verlogenheit kapitalistischer Propaganda ist immer unterschwellig mein Interesse gewesen, seit ich vor ca 50 Jahren in der DB in Leipzig von Vance Packard "Die geheimen Verführer" gelesen habe. Der Amerikaner beschäftigt sich dort mit der Hintersinnigkeit und Manipulation bei der Werbung. Das war der erste Hinweis für mich, dass hinter bestimmten Äußerungen in der Werbung ein gezieltes Interesse besteht, mir eine Meinung und bestimmte Handlungsweisen aufzudrängen, auch wenn sie unter Umständen gegen mich gerichtet sind. Das Buch war ein Aha- Erlebnis für mich, wenn mir auch nur das kleine Beispiel von der Zahnpasta - Werbung genau erinnerlich ist. Aber die im Beispiel aufgezeigte Methode als Beeinflussung des modernen Menschen fand ich immer wieder in gesellschaftlichen und politischen Bemühungen der kapitalistischen Gesellschaft, immer ausgefeilter, politisch immer dringlicher und gefährlicher. So habe ich mit Vergnügen die Bücher des Journalisten Thomas Wieczorek gelesen, die ich mir auch gekauft habe. Ein Großteil der Bücher befindet sich jetzt bei einem Freund, der kein Widerstandskämpfer war, im Gegenteil mit der "Firma" zu DDR- Zeiten als Verlagsmitarbeiter beim ND/Nord seine Probleme hatte. Von dem, was er nun eingetauscht hat, ist er zutiefst enttäuscht und wenn wir aufeinandertreffen beharken wir uns nach allen Regeln der Kunst, freundschaftlich und mit gegenseitiger Achtung. Ich habe ihm die Bücher geschickt als Beleg meiner Einsichten, wenn auch der Wieczorek nie gegen seinen Staat auf die Barrikaden gegangen wäre, seine Einsichten waren lesenswert.

Nun passt Du mit dem Tipp zum Wernickebuch „Lügen die Medien“, sozusagen als Krönung meiner politischen Haltung, ganz genau an die Spitze dieser Gedankenreihe, die mich immer begleitet hat. So wie meine Großmutter mir immer einschärfte : „Lotti, misstraue dem, der sagt, ich will dein Freund sein, das habe ich für mich als Erfahrung behalten.“ Lotti, misstraue dem, der dir Honig ums Maul schmiert. Diese genannten Bücher haben mir dabei geholfen und nun will ich genau wissen, wie es Jens Wernicke als Herausgeber mit progressivem Gedankengut, vielleicht auch mit Taten, hält. Morgen früh rufe ich meine nette Buchhändlerin an, sie bringt mir meine Bücher auch ins Haus...

Du zitierst einen Foreninhaber, der kritische Buchtipps, auch zu „Fassadendemokratie“, strikt ablehnt, mit folgenden Worten:
Bezugnehmend auf mein Recht als Former "meines" Forums verlege ich diesen Text, (…), weil er deutlich weniger Rezension als vielmehr Propaganda mit einem Buch als "Beweismittel" ist.

Dieser Kritikaster, dem der Inhalt nicht passt, versucht über die Form zu treffen. Du lachst mit Recht. Mancher kluge Geist wurde bespuckt von solchen sozial rechts angesiedelten Geistern, deren Enkel/Nachkommen große Feste heute für ihn ausrichten. Geh ruhig mit Deiner Nase über die Primitivlinge, die verschwinden früher oder später allesamt in der Versenkung.

(User Lotti ist Mitautorin im soeben veröffentlichten Buch „EISZEIT-BLÜTEN“)

Dienstag, 3. Oktober 2017

Gezüchtete Unschärfen - Rezension

Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung

Gezüchtete Unschärfen

Buchtipp von Harry Popow

Den Blick in die Welt könne man mit einer Zeitung versperren, so ein Aphorismus. Von wegen. In die große Welt schon, aber nicht in die kleine. Da wirst du überhäuft mit guten Ratschlägen für´s Kochen, für´s Make-up, für´s Wohlbefinden im Schlaf, für tollen Sex, für Gartenpflege und, und, und... Banales und flach Gebürstetes haben Hochkonjunktur, also simple, alltagsnahe Botschaften, wie es im Buch „Lügen die Medien....“ heißt, und der überaus brave Bürger ist´s zufrieden. Oder? Mehr noch, nach den armseligen Wahlen klatscht er noch in die Hände und jubelt den Herrschenden zu: „Weiter so!“ 87 Prozent haben da keine Bedenken.
Wer schreit da nach einem tieferen Blick in die politische Welt? Wer ist da unzufrieden mit gewissen Medien, die interessierten Bürgern Wahrheiten verwehren? Was ist los? „Lügen die Medien?“, fragt der Herausgeber Jens Wernicke, Diplom-Kulturwissenschaftler (Medien), 24 Journalisten, Wissenschaftler sowie maßgebende Leute aus der Zivilgesellschaft.


Das Anliegen dieses Buches sei es, so der Herausgeber auf Seite 8, einen Beitrag zu schaffen, der „über Einzelfallkritik und Einzelmeinung weit hinausgeht und ein Verständnis für die Komplexität unserer gesellschaftlich-sozialen Misere“ leistet. Und so stellt er bereits in der Einleitung, Fabian Scheidler zitierend, fest: „Das bisherige System permanenter Akkumulation von Reichtum und Macht in den Händen einiger weniger ist an seine Grenzen gestoßen.“ Die Verschleierung ihrer Motive, um ihr Vorgehen zu legitimieren, die Akkumulation im globalen Maßstab durch Enteignung, dies brauche die Elite, ,,denn sonst zerbrächen die bestehenden Verhältnisse in kürzester Zeit“, so Jens Wernicke. (S. 9)


Den Rezipienten fällt es leicht, die 368 Seiten im Überblick zu behalten, befragt der Herausgeber die 24 Autoren doch zielgerichtet in der Form von Interviews. Nach jeweils einer kurzen Einleitung zum Thema stellt er etwa zehn bis 15 Fragen. Dabei kommen nicht nur die Bezeichnung Lügenmedien, die Hintergründe und Absichten der ökonomischen und politischen Macht, deren Methoden der Manipulation, die Rolle jedes einzelnen Journalisten sowie das Verhalten der Nutzer – sprich der Hörer, Leser und Zuschauer – zum Tragen, sondern auch die persönlichen Meinungen und Erfahrungen jedes einzelnen Autors. Dabei knüpft Jens Wernicke an die jeweils von seinen Interviewpartnern veröffentlichte Literatur an. Das ermöglicht den Lesern, die Gleichheiten als auch manche Unterschiede in der Wahrnehmung zu erkennen. Statistiken veranschaulichen die wachsende Macht der Medien. Eine besondere Rolle kommt den Beispielen der Manipulationsmethoden zu, an denen es in keinem der Interviews mangelt.


Die fundierten Antworten der Interviewpartner ergeben insgesamt ein schauriges Bild von der Verfasstheit der Medien, von ihrer Abhängigkeit von den Herausgebern, vom Mainstream, von den Geldgebern in den Hinterstuben des Etablissements. Obwohl es in der Einschätzung, ob die Medien allesamt lügen, unterschiedliche Positionen gibt, sind sie sich in der Mehrzahl einig, dass die Eigentumsverhältnisse den grundlegenden Nährboden für Diffamierungen, Lügen, Verfälschungen und für das Verschweigen von politischen Zusammenhängen bilden.


Drahtzieher & Begehrlichkeiten 


Keinesfalls, und das kommt glasklar zum Ausdruck, dürfen die Medien isoliert von den Machtverhältnissen betrachtet werden. S. 152: Man dürfe die Rolle der Medien nicht auf Fragen spezifischer Missstände, nicht „isoliert von Fragen gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsbeziehungen“ behandeln. Die Schlacht um die Köpfe ist kein ausgesuchtes Spielfeld für Langweiler oder Profitmachern alleine. Sie, die Elite, die Kapitaleigentümer, die Politik – ihnen sitzt der Druck im Nacken, das vom Einsturz bedrohte Kapitalgebäude zu stützen, die Zuschauer und Leser zur Anpassung, ja, zur Bejahung von Kriegseinsätzen unter der Fahne der größeren Verantwortung Deutschlands in der Welt zu verführen.


Die Ideologie ist durchschaubar: Auf Seite 88 heißt es, den Antikommunismus verpacke man nicht mehr „pro deutsch“, sondern „prowestlich“. Es sei die Funktion der Medien, die Leute von Wichtigem abzuhalten. (S. 109 und 111) In den USA befänden sich an der Spitze der Machtstruktur der Privatwirtschaft die profitablen Unternehmen wie New York Times und CBS, „einer extrem tyrannischen Struktur“. S. 137: Medien dienen vorrangig dazu, „den gesellschaftlichen und ökonomischen Status derer zu stabilisieren, in deren Besitz sie sind oder von denen sie ökonomisch abhängig sind“. Es gehe insbesondere darum, die politische Weltsicht der Eliten zu vermitteln. Das bestimme die Auswahl und Interpretation von Fakten. Marktkräfte könne man nicht abwählen, man könne sich „ihnen nur anpassen und unterwerfen“ (S. 143) Auf die Frage nach der politischen Ökonomie, der gewichtigsten Ursache, wird geantwortet: Die journalistische Repräsentation des Weltgeschehens sei nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen. Eher sei es ein „Ursachengeflecht“ von kulturellen Fragen über Geschlechterdispositionen bis zu Bildungslücken. Auf Seite 329 wird gezeigt, wie Kritiker als Verschwörungstheoretiker angefeindet werden. (S. 276)


Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein“, schrieb Karl Marx 1842 in der Rheinischen Zeitung. „Doch die Freiheit des Gewerbes hat gesiegt, Medien unterliegen der totalen Kommerzialisierung. (…) Verflachung durch Quote überwiegt.“ Er hat die Grundsätze dieser Misere bereits vor langer Zeit einmal trefflich zusammengefasst, als er formulierte: Die der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken...“ Und weiter auf S. 334: „Im Kern geht es um das Verfügungsrecht über privates Eigentum im Medienkomplex: Der Eigentümer des Mediums hat die uneingeschränkte „Deutungshoheit“ über das, was er für Wahrheit hält. S. 335: Es gehe um eine marktradikale und regierungsfreundliche Gesamtideologie. Ein Denken in Alternativen, ein Aufgreifen abweichender Meinungen – das sei zumeist eine Fehlanzeige.


Krieg auf leisen Sohlen


Natürlich wird sich die Elite hüten, die Verdummungspraktiken offen darzulegen. Um so eindringlicher weisen die Autoren in diesem Buch nach: Die planmäßige Zerstörung des Sozialstaates „wäre ohne eine planmäßige Vergiftung der Sprache und des Denkens nicht möglich“. (S.143) S. 233: „Tatsächliche Verantwortungsübernahme würde ja bedeuten, Ausbeutung und Ausraubung rückgängig zu machen...“ S. 34: Nicht immer werde bewusst manipuliert, dafür aber verschwiegen oder neutralisiert, (siehe Klimagerechtigkeitsbewegung). Das Resultat sei dennoch „ein Zerrbild der realen Welt, das sich an die Interessen und Bedürfnisse der Mächtigen (…) anschmiegt. Auf den Seite 41/42 heißt es, es seien die äußeren Faktoren, die die „institutionelle Schlagseite der Massenmedien verstärken“, Pressekonferenzen, Pressemitteilungen, PR-Arbeit, Hintergrundgespräche, Statements von Top-Entscheidern, Studien, Statistiken und Zahlen, Expertenanalysen, Talkshows. Verwiesen wird auf „diverse Disziplinierungsinstrumente“ wie u.a positive Sanktionen, gezielte Leaks, Enthüllungen, Auszeichnung durch Exklusivinterviews, lukrative Vortragsangebote, Schaltung von Werbung. Wer aber unangenehm auffalle und rote Linien überschreite, der wird ermahnt, gezügelt, bedroht oder entsolidarisiert. Alle Redaktionen bedienen sich des gleichgeschalteten Einheitsbreis, geliefert von dpa, AP, AFP und Reuter, und schrieben sodann voneinander ab, so lesen wir auf Seite 60. Gewarnt wird auf Seite 58 vor der weitgehenden Gleichschaltung als einen „ersten Schritt in Richtung faschistische Gesellschaft“. Im Klartext: Der „Westen“ versammelt das Gute um sich, Russen und Chinesen sind die Bösen. Und die dritte Welt sei scheißegal, es sei denn sie besitzt Rohstoffe oder bietet Schauplatz für einen kleinen Völkermord. (S. 59)


Die Manipulation hat zum Ziel, eine Vielzahl geeigneter Strategien der sozialen Befriedigung zu entwickeln, „damit also das System nicht an seinen eigenen Widersprüchen zerbricht“. (S. 147) Klassengegensätze sollen verschleiert und eine stillschweigende Zustimmung der Mehrheit der Bevölkerung zu einer Politik erreicht werden, „durch die Gemeinvermögen in großem Umfang einer kleinen Schicht ökonomischer Eliten zugeschanzt wird“. Im Neoliberalismus solle „eine radikal entpolitisierte und sozial atomisierte Gesellschaft“ erzeugt werden. S. 148: Keinesfalls dürfe ein kollektives Bündnis von „Veränderungsbedürfnissen“ entstehen. Man habe sich lediglich den Marktbedürfnissen anzupassen. Mit schlimmen Folgen: Das wirke, so auf Seite 149, entsolidarisierend und entwurzelnd, Hilflosigkeit und Resignation erzeugend. Eben dazu bedarf es der Medien. S. 144: Politische Lethargie erhöhe den Status der herrschenden Eliten. S. 113: Die Masse der Bevölkerung bestehe aus ahnungslosen und lästigen Außenseitern. Sie sollen sich aus der Politik heraushalten, sie sollen zu Hause lieber Fußball gucken. Der Pöbel dürfe nicht auf falsche Gedanken kommen, so steht es auf Seite 117.


Zuviel Scheiße im Kopp?


Um es gleich zu sagen, offen und unverblümt: Bei den miserablen und oft genug substanzlosen Angeboten der „viel gerühmten“ Medien dieses kapitalistischen Systems werfe niemand den einzelnen Journalisten den Fehdehandschuh vor die Füße. Sie sind Mitschuldige, aber keineswegs Hauptschuldige. Sie können einfach nichts dafür. Dieses Fazit muss der Rezensent aus dem viel beachteten Buch „Lügen die Medien?“ ziehen. Warum? Weil schlicht und einfach der Medienbereich Teil des kapitalistischen Systems ist. Sie befinden sich – wie wir alle – im gut gesicherten Finanzhof wie hinter einem Burgfried. Sie gehorchen ökonomisch und politisch den Herrschern dieser Festung des Imperiums Kapital. Und wer dennoch ausschert fliegt.


So lesen wir auf Seite 126: Die Journalisten leiden unter Aktualitätsdruck, sie folgen den Vorgaben der Politikelite, sie können und dürfen keine Alternativen, und wenn, dann nur taktische Details der Öffentlichkeit verkaufen. An Ausreden mangelt es nicht. Beispielsweise heißt es auf S. 40: „Wenn Qualität und Vielfalt verschwinden, liege das nicht am Anbieter, sondern am Kauf- und Lesevotum der Bürgerinnen und Bürger, dem das Angebot folgen müsse.“ Man könne aber nur das wählen, was angeboten wird. Eberhard Esche, einst Schauspieler am Deutschen Theater, spitzte manches Phlegma der Zuschauer im Parkett in seinem Buch „Der Hase im Rausch“ auf Seite 263 ziemlich sarkastisch so zu: „Wie oft bin ich aus schlechten Inszenierungen, von oben hinlänglich erwähnten Regisseuren in Szene gesetzt, aus dem Theater gelaufen, die Leute blieben sitzen. Manchmal frage ich mich, was mehr zu bewundern ist, ihr Kopf, der so viel Scheiße aushält, oder ihr Arsch, der so viel Scheiße aussitzt.“


Wichtig ist es, so die Autoren, die Schuld an der Misere nicht allein bei den Journalisten zu suchen, die im Grunde genommen Lohnarbeiter sind, allerdings nicht ohne Mitverantwortung. Erst Recht tragen die Nutzer der Medien ob ihres mehr oder weniger aufnahmebereiten Verarbeitens von Informationen keinerlei Schuld am Blühen der Falschmeldungen vor allem in der Außen- oder Kriegspolitik.


Illusionen & kraftvolle Auswege


Auf dem Gebiet von Lösungsvorschlägen gibt es in dieser so inhaltsreichen Argumentationskette – kann auch nicht anders sein - sowohl zurückhaltende illusionistisch eingefärbte Meinungen als auch „revolutionierende“ Ansätze zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Da ist die Rede von Foren, auf denen man sich austauschen könne, von radikalen Reformen, vom Aufwachen auf Seiten der Bürger, man solle breit lesen und sich informieren, man soll sich in Kritik üben und den Widerspruch organisieren. Seite 314: Man müsse die Massenmedien Entprivatisieren. Über Genossenschaften, Stiftungen und öffentliche Trägerschaften mit gesicherter innerer demokratischer Struktur müssten sie zu „Bürgermedien“ gemacht werden. Von alternativen Medien ist auf Seite 331 die Rede.


Für Lernfähige


Lügen die Medien nun oder nicht? Auf Seite 339 findet sich folgende Antwort: Es seien klare Lügen, „denn sie sind – besonders in diesen Zeiten – ein unmittelbarer Angriff auf unser aller Lebenschancen und -qualität, die Umwelt sowie unsere Fähigkeit zu Solidarität. (…) Sie sind Unmenschlichkeit, die sich – um wirklich kritische Fragen unmöglich zu machen – als Weisheit letzter Schluss gebärdet, als einzig denkbare Gesellschaftsordnung und Welt.“ Da haben wir es: Die Züchtung von politischen Unschärfen, von wem dies ausgeht und wer darunter zu leiden hat.


Das politisch schwergewichtige Buch „Lügen die Medien...“ zur Erhellung des Bewusstseins sowohl der angepassten als auch der kritischen Leserschaft wird vor allem jene erreichen müssen, die nicht gewillt sind, die Macht den wenigen ein Prozent der Finanzelite über das Denken und Fühlen der Masse der Bevölkerung zu überlassen. Auch diese Lektüre schlägt – wie andere Bücher zuvor – Gassen in Mauern des zunehmenden politischen Stumpfsinns. Es bietet durch die Vielfalt der An- und Aussichten ein breites Feld von Überdenkenswertem. Es hält dazu an, sich selbst in diesem System der systemerhaltenden Schmuddelware von Hohlheiten und Lügen die Messlatte an das eigene Denken und Tun zu legen. Es möge die satte Genügsamkeit, die Lethargie und die dumpfe Selbstzufriedenheit ins eigene Licht der Selbsterkenntnis zerren. Sicher ist dies: Es bedarf – vor allem nach der Bundestagswahl 2017 – einer neuen Gegenwehr gegen den geistigen Krieg um die Köpfe. Es geht um Klarsicht und Scharfsichtigkeit, gegen den Plunder der oberflächlichen Geschwätzigkeit und verdummenden politischen Rhetorik, es geht ums Ganze. Wie treffsicher – ich komme auf ihn zurück - der Schauspieler Eberhard Esche in seinem Buch „Der Hase im Rausch“ auf Seite 332 sagte: „Wem die Lernfähigkeit abhanden kommt, dem bleibt die Zunft verschlossen.“


Zum Herausgeber: Jens Wernicke, Diplom-Kulturwissenschaftler (Medien), arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Politik und als Gewerkschaftssekretär. Heute ist er Autor, freier Journalist und Herausgeber von „Rubikon - Magazin für die kritische Masse“. Zuletzt erschienen von ihm als Mitherausgeber „Netzwerk der Macht – Bertelsmann. Der medial-politische Komplex aus Gütersloh“ sowie „Fassadendemokratie und Tiefer Staat“. Er veröffentlicht unter: jenswernicke.de


Lügen die Medien?
Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung


Herausgegeben von Jens Wernicke
Mit Beiträgen von Walter van Rossum, David Goeßmann, Ulrich Teusch, Volker Bräutigam, Ulrich Tilgner, Stephan Hebel, Werner Rügemer, Eckard Spoo, Noam Chomsky, Uwe Krüger, Rainer Mausfeld, Jörg Becker, Michael Walter, Erich Schmidt-Eenboom, Klaus-Jürgen Bruder, Kurt Gritsch, Daniele Ganser, Maren Müller, Hektor Haarkötter, Sabine Schiffer, Gert Hautsch, Rainer Butenschön, Markus Fiedler, Daniela Dahn (überwiegend von Jens Wernicke geführte Interviews)
Westendverlag Frankfurt 2017
368 Seiten, 18 Euro
Online-Flyer Nr. 631  vom 04.10.2017

(Dieser Buchtipp wurde in der NRhZ erstveröffentlicht.)